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Musikwahrnehmung aus biologischer Perspektive
Ein Kurzreferat der Anthropologin Peggy Seehafer, Hamburg

„Musikalität ist die angeborene oder erworbene Fähigkeit, Musik aufzunehmen und auszuüben.“ (Brockhaus 2008) Wäre sie tatsächlich angeboren, gäbe es nicht die unterschiedlichen Vorstellungen von und Ansprüche an Musik. In den letzten Jahren beschäftigen sich immer mehr Wissenschaftler mit Musik unter psychologischen, neurobiologischen und evolutionären Gesichtspunkten*.
Die meisten Studien setzen einen einheitlichen Musikbegriff im transkulturellen und großen zeitlichen Kontext voraus. Dieser entstammt zwar erst dem Europa des 19. Jahrhundert, wird aber gern für alle Zeiten und Kulturkreise in Anspruch genommen. Damit besteht das Risiko, bestimmte Phänomene als universell und im Laufe der Evolution entwickelt zu bezeichnen.

Schall, der aktiv zu einem Klangwerk zusammengesetzt wird, gilt gemeinhin als Musik. Dabei wird sie einerseits von der Sprache und auf der anderen Seite vom Geräusch abgegrenzt, wobei die Grenzen dabei sehr schwer zu ziehen sind. Sind Trommler, die Botschaften übertragen Musiker und übertragen Orchestermusiker nicht auch Botschaften?

„Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden „
(Wilhelm Busch)

Musik ist ein heterogenes, also bunt gemischtes Bündel von Tonhöhen, deren Verlauf – die Melodie, Rhythmus und Klangfarbe. Diese Eigenschaften sind universell gültig.
Die Harmonie eines Musikstücks dagegen kann nur in einem zeitlich und örtlich begrenzten Rahmen wahrgenommen werden. Als Harmonie in der Musik wird der Zusammenklang gleichzeitig erklingender Töne bezeichnet. Diese Eigenschaft ist ein westliches Phänomen in der Musik und taucht erst spät in der Musikhistorie auf.
Das bedeutet, dass es keinen einheitlichen Musikbegriff gibt, der über alle Zeiten und Kulturen Gültigkeit besitzt!

Damit ist Musik auch immer nur im Kontext ihrer Funktion bewertbar. Marschmusik hat eine mobilisierende Funktion, dabei spielte die Ästhetik nur eine untergeordnete Rolle. Wohingegen sie beim Morgengesang im Kindergarten wichtiger ist und gemeinschaftstiftend wirkt.

Wenn Musikalität eine biologische Komponente beinhaltet, warum finden einige bestimmte Musik schön und hochwertig und andere nicht zum Aushalten?

Um einen Rhythmus erkennen zu können oder eine Melodie als harmonisch zu empfinden, muss niemand über besondere musikalische Fähigkeiten verfügen. Dennoch ist das Wohlbefinden beim Hören oder Erzeugen von Klängen durch die unmittelbaren kulturellen Eindrücke gefärbt und keinesfalls universell.

Ein besonderes Merkmal von Musik ist, dass zwischen den Hörern und den Musikern eine intersubjektive Übereinkunft darüber geben muss, welche Form der Musik als solche empfunden wird. Das heißt, dass bereits die frühkindliche Erziehung zur späteren Musikempfindung beiträgt.  

Das bedeutet aber auch, dass die Vorstellungen von „überirdisch begabten Musikgenies“ an Raum und Zeit gebunden sind. So wie vielen bestimmte arabische Musikklänge als enervierend und anstrengend vorkommen, stösst dort die Musik von Mozart und Wagner an die Grenzen der Hörgewohnheit und wird keineswegs als genial wahrgenommen.

Im zeitlichen Kontext trägt aber auch bei uns die „klassische Musik“ nur noch bei ausgewählten Leuten zum Wohlbefinden bei. Zumeist jüngere Menschen finden beispielsweise Opern ähnlich anstrengend und unharmonisch, wie fremdländische Klänge und umgekehrt wird moderne Musik von Menschen mit „Musikverstand“ nicht als solche akzeptiert.

Die Empfindung von Musik hängt von der Erfahrung ab, die ein Mensch macht:

  • durch früh einsetzende Lernprozesse
  • durch kulturspezifische und individuelle Konventionen des Hörens und
  • durch eine bewußte kognitive Verarbeitung melodischer und rhythmischer Figuren

Das alles hat mit der Biologie eines Menschen nichts zu tun! Musik ist ein kultur-spezifisches Phänomen.

* Siehe Lorenz Welker, LMU Munich

2008
Hamburger Anthropologenkontor
Peggy Seehafer
http://www.anthropologen.de

 

05.05.2008