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Bei uns fressen die Ziegen Steine
von Peggy Seehafer, Anthropologin

Auf den Kapverdischen Inseln bestimmt heute Musik den Alltag. Zeit und Musik ist der größte Reichtum auf den Inseln, weil es kaum noch Arbeit gibt. Das bedeutendste Exportprodukt der kapverdischen Inseln ist die Weltmusik.

Die kapverdischen Inseln liegen etwa 600km vor der Küste Westafrikas, zwischen Gibraltar und dem Kap der guten Hoffnung im Atlantischen Ozean. Bis zum eindringen der Europäer 1466 war Cabo Verde unbewohnt. Seit 1495 portugiesische Kolonie, wurden die wüstenhaft trockenen Inseln mit portugiesischen Häftlingen und Sklaven aus Senegal und Guinea besiedelt. Die Inseln dienten als Militärstation, als Umschlags- und Versorgungsstation für den Sklavenhandel und als Kohlenlager und Zwischenstop für die Dampfschiffe auf ihren Überseefahrten. Nach 500 Jahren Ausbeutung und Gewaltherrschaft wurden die Kapverden 1951 in eine sogenannte portugiesische Überseeprovinz umgewandelt.

Einst pulsierte das Leben durch den Hafen in Mindelo, als die kapverdischen Inseln eine wichtige Etappe für die Frachter zwischen Südamerika und Europa war. Der Hafen war voller Schiffe, und die Seeleute wollten unterhalten werden auf ihren Landgängen - mit Musik, Frauen und Essen. In den Hafenkneipen entstanden die sehnsuchtsvolle Morna und die lebhafte Coladeira. Wirtschaftlich ging es Mindelo hervorragend, bis die großen Schiffe Mitte des letzten Jahrhunderts den kleinen Hafen mitten im Atlantik nicht mehr als Zwischenstop anliefen und der Ort langsam vereinsamte.

Die Geschichte des kapverdischen Volkes ist durch die Verschmelzung verschiedener Herkünfte und Kulturen, aber auch durch ständige Auswanderung und Heimkehr geprägt. Die Musik ist nicht zuletzt so vielfältig, weil das Volk der kapverdischen Inseln über die ganze Welt verteilt ist. Schon immer herrschte ein reger Austausch zum Festland und Menschen emigrierten z.B. zur westafrikanischen Küste oder nach Amerika. Am Ende des 20. Jahrhunderts lebten weit mehr Caboverdianer im Ausland, als auf den Inseln selbst. Zwanzig Prozent aller im Land verfügbaren Geldmittel werden von Angehörigen außerhalb der Kapverden erarbeitet und an die Familien in die Heimat geschickt.

Die Landschaft ist so trocken, dass Landwirtschaft kaum Sinn macht und selbst Ziegen Steine zu fressen scheinen. Heute werden 95 Prozent aller Lebensmittel importiert. Einzige Ausfuhrprodukte sind Fisch, Fischprodukte und Meersalz. Es gibt keine funktionierende Wirtschaft, allein der Fischfang bietet eine sinnvolle Beschäftigung. Wer jung und gesund ist, wandert aus.
Trotzdem herrscht auf den Kap Verden heute ein Klima des sozialen Friedens. Der Atlantik isoliert und schützt gleichzeitig die Inseln, die zwar arm, aber in Frieden leben.

Rauchend, spielend und trinkend verbringen die zurückgebliebenen Männer ganze Tage in den Kneipen. Dort geben die Sängerinnen und die Musiker mit ihren Cavaqinhos, den kapverdischen Gitarren allabendlich Konzerte, auch wenn ein Satz Gitarrensaiten so viel kostet, wie die Gage für einen ganzen Abend. Sie kennen und spielen Dutzende und Hunderte von Mornas, den typischen Liedern, die inzwischen weltbekannt sind. Die Stimmung dieses kapverdischen Blues ist melancholisch und nachdenklich, die Texte sind voller Sehnsucht, Heimweh und Verlangen. Der traurige Gesang der Morna wird typischerweise mit Cavaquinho, Gitarre, Geige und einer 10-saitigen Gitarre begleitet.

Cavaquinhos sind kleine, beinahe winzige viersaitige Gitarren mit einem hellen Klang. Die Mensur ist nur 340 mm lang. Traditionell sind die Saiten d'-g'-h'-d" gestimmt (afinação tradicional). Neuerdings werden die Saiten der Cavaqinhos häufiger auch wie die vier hohen Saiten einer Gitarrre (afinação natural) d'-g'-h'-e" gestimmt und mit einem Plektrum gespielt.
Ursprünglich stammt das Cavaquinho aus Portugal und hat sich von dort über Madeira, die Azoren, Kap Verde bis hin nach Brasilien verbreitet. Für die brasilianische Samba wird es vor allem als Rhythmus-Instrument benutzt.
Cavaquinho
erbaut von Jon Piguet

Morna ist die populärste und weit verbreitete moll-lastige Musikrichtung Cabo Verdes in langsamem Tempo. Der Stil der Mornas wird häufig mit dem portugiesischen Fado verglichen. Musiker und Zuhörer wiegen gemütlich sich zur Musik. Aus ihr klingt die kapverdische Seele. Die dagegen humorvolle und sarkastische Coladeira hat sich aus der Morna entwickelt, ist aber viel rhythmischer und tanzbarer. Sie ist stärker von karibischen Klängen und von der brasilianischen Samba beeinflusst.

Die berühmteste Musikerin der Kapverden ist derzeit Cesaria Evora. Auf ihrer CD „Café Atlantico“ wird das Bild einer ganzen Nation transportiert. Die ganze Stadt Mindelo ist eine verwaiste Hafenkneipe, die noch immer unter dem rotbraunen Staub der Jahrzehnte ihren alten Glanz erahnen lässt. Wenn die Kapverdianer nach ihrer Emigration zurückkehren in ihren Ort mit den maroden Kolonialbauten der Portugiesen, den zerbröckelnden Quais der Hafenanlagen, dann spüren sie die Trostlosigkeit eines Archipels ohne Regen und Arbeit, voller Staub und Sonne. Und sie spüren ihre Wurzeln, ihre Heimat, die heute vergleichsweise ein Paradies ist.

Und das Cavaquinho spielt in der Musik und damit im Leben der Caboverdianer eine wichtige Rolle. Vor allem bei der Morna gehört es immer dazu.


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13.07.2005